Dann setzte sich der Wagen in Bewegung

Er nickte. „Ich weiß schon, Sir!” Dann setzte  sich der Wagen in Bewegung. Je tiefer er Friedrich in die Stadt mit ihren breiten, gepflegten Straßen trug, um so größer wurde sein Erstaunen über das bewegte Leben, das sie durchströmte. Schwerbeladene Rollwagen strebten zum Hafen, Ochsengespanne mit Wollballen fuhren langsam, unter ihrer Last krachend und knarrend, vorüber. Vor den Verkaufsbuden drängten sich die Menschen, in den eleganten Schaufenstern häuften sich in geschmackvollster Anordnung die Waren — nicht anders wie er es vor anderthalb oder zwei Jahren in Paris und Newyork auch gesehen hatte.

Pannwitz’ kalifornischer Geschäftsfreund hatte Hunter’s Geschichte ausführlich erzählt, nicht ohne sich als stolzer nordamerikanischer Bürger über dieses Stück englischer Heuchelei und Grausamkeit heftig zu empören. —
Der Vater jenes Henry Hunter war mit Kapitän Phillip als Sträfling ins Land gekommen. Sein Schicksal war beispielhaft für die australische Anfangszeit. Als junger Buchhalter bei einem wegen seiner puritanischen Strenge berüchtigten Londoner Kaufmann angestellt, sah er einer zwar einigermaßen sicheren, sozial allerdings nicht sonderlich günstigen Zukunft entgegen, da er wegen seiner Armut unter normalen Umständen nie zu einem selbständigen Unternehmen kommen konnte. Er vergaß den furchtbaren Tag, der ihn plötzlich aus aller Ordnung riß und unter die Geächteten und Verbrecher warf. niemals — obwohl doch dieser Schicksalsschlag, so unmenschlich grausam er gewesen sein mochte, seinen späteren Reichtum begründete! Er wollte nämlich an jenem Tage fiir seine Mutter eine Besorgung machen und stellte zu seinem Ärger fest. daß er sein Geld vergessen hatte. Sollte er den Kauf aufschieben? Bis zum nächsten Tage warten? Aber er verwaltete ja die Kasse! Er arbeitete lange genug auf seinem Posten, um Vertrauen verdient zu haben! So entlieh er sich also zehn Schilling. vergaß jedoch in der Hast eines besonders arbeitsreichen Tages einen Zettel in die Kasse zu tun. Das war eine bescheidene Unterlassungssünde, die jeder, der ihn kannte. ohne weiteres als solche erkannt haben würde — nicht jedoch der überaus ehrenwerte Mr. Parker, sein Chef. Er entdeckte nämlich am Abend die kleine Differenz und ließ seinen Buchhalter am folgenden Morgen kurzerhand verhaften. Hunter protestierte, er verwies vergebens auf seine unleugbare Ehrlichkeit: die Klage des einflußreichen Kaufmannes wog schwerer als die Verteidigung des armen Angestellten. Die Richter verurteilten ihn zu sieben Jahren Deportation. John Hunters alte Mutter starb vor Schrecken über das grausame Urteil an einem Herzschlag, und es war eine ganz besondere Gnade, daß der Sohn, unter scharfer Bewachung natürlich, an der Beerdigung teilnehmen durfte. Dann stach die Flotte Phillips in See, um dreiviertel Jahre später in Port Jackson einzulaufen.
John war ein tüchtiger Mann, furchtlos und aufrichtig;
er zerbrach nicht an seinem Schicksal, ein stählerner Wille.
diese schreckliche Zeit, die vor im lag, zu überwinden, gab
ihm Kraft. Seine Willigkeit und sein natürlicher Anstand
fielen dem wegen seiner Gerechtigkeit beliebten Kapitän
der zugleich der erste Gouverneur der neuen Kolonie
war — schnell auf. Er bevorzugte den Sträfling nicht, aber
er achtete auf ihn. Er teilte ihn dem Depotverwalter zu,
dessen Bücher er zu führen hatte, wenn er Hunter hrttinsecilenne Magazinen selbst arbeiten mußte. Als John T Strafzeit hinter sich hatte, durfte er in der kleinen Stadt Sydney ein Häuschen bauen, in dem er einen Laden betrieb. Später widmete er sich immer mehr dem rasch aufblühenden Wollhandel und entwickelte sein Unternehmen zu einem Export- und Importgeschäft, das durch die günstige Lage des Hauses schnell an Umfang gewann. Er wurde ein reicher Mann. Aus einer glücklichen Ehe mit der Tochter eines freien Siedlers aus Paramatta wuchsen ihm zwei Kinder, deren einer Henry war. Elisabeth, die Tochter, heiratete nach London. Henry übernahm das Unternehmen, während der Vater, müde des Treibens, sich in ein kleines hübsches Landhaus zurückzog, welches er sich in Mardy, nahe der Meeresküste, hatte bauen lassen. Hier in der Nachbarschaft seines Freundes und Leidensgenossen George Howe, des Gründers der ersten australischen Zeitung — des Sydney Herald — lebte er einsam und behaglich mit seiner Frau. Sein Blumengarten war eine kleine Berühmheit geworden. Am Tor seines staatlichen Steinhauses empfing der australische Kaufmann, ein rundlicher, sehr lebendiger Herr in den Vierzigern, seinen deutschen Gast.

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