Archiv für die Kategorie ‘Australien’

Der Leutnant

Samstag, 24. April 2010

Der Leutnant wurde wütend. „Wenn_ Ihr uns den Ort nicht zeigt”, drohte er, „so lasse ich Euch auspeitschen!” Das wirkte. Dailey mußte also eine kleine Gruppe von Soldaten und einen Offizier zu seinem Fundort hinführen. Da er ganz nahe der Küste liege, müßten sie im Boot hinfahren. Alle bestiegen einen Kahn und fuhren am Ufer entlang, wo an einer bestimmten Stelle gehalten wurde. „Dort am Waldrand”, erklärte Dailey, „liegt der Ort.

Ich bitte, mich für einen Augenblick entfernen zu dürfen. Dann führe ich Sie hin.” Er erhielt die Erlaubnis, denn auch Sträflinge haben ja ihre unvermeidlichen Bedürfnisse (hier warf Mary dem Erzähler einen strafenden Blick zu). Aber — er kam nicht wieder. Der Offizier wartete vergebens. Die waldige, bergige Gegend war sowohl ihm wie auch den Soldaten gänzlich fremd. Er schickte einen der Leute in den Wald, um den Sträfling zu suchen, setzte sich in den Kahn und wartete. Der Tag verging, Dailey kam nicht, und der Soldat kam auch nicht.

Inzwischen aber war Dailey, der mit der Gegend gut vertraut war, längst am Lagerplatz, der heute Sydney heißt, eingetroffen, erklärte dem Gouverneur-Leutnant, der Offizier sei an der reichen Goldstelle zurückgeblieben, um sie genau zu durchforschen, ging zu seinem Zelt, brach es ab. packte sein Bündel und ging fort. Ob er Gladys vorher abgeholt und dann mitgenommen hat, ist nicht überliefert worden. Na, der Offizier in seinem Kahn bekam einen gelinden Tobsuchtsanfall vor Wut, weil er allmählich merkte, daß er hinters Licht geführt worden war, und der Soldat, den er hinter dem Sträfling hergeschickt hatte, traf abgerackert, miide und fluchend im Sydneylager ein, wo er sich sofort hinlegte und einen tiefen Schlaf tat. Am Morgen erst kamen die anderen. Dailey jedoch war weg.

Wie fast alle entlaufenen Sträflinge jener Zeit, kehrte auch er sehr bald wieder zurück-, weil er sonst elend verhungert wäre. Er empfing gelassen seine fünfzig Hiebe und erklärte, er habe ja gleich gesagt, daß er das Goldlager ausschließlich dem Gouverneur selbst verraten werde. Als Phillip nun von der Sache erfuhr, war er zwar skeptisch. schickte jedoch trotzdem den Sträfling in Begleitung eines Soldaten los. Diesmal freilich gelang es Dailey nicht, sich zu entfernen, denn sein Begleiter hielt sich dicht auf seinen Fersen. So erklärte er denn demütigst, daß alles Schwindel sei, wurde ins Lager zurückgeführt und mußte hier dem zornigen Gouverneur erklären, was denn min eigentlich Goldenes in jener Erdprobe sei. Dailey war ein ehemaliger Goldschmied, er kannte sich also mit derartigen Kunststücken aus. Er hatte von einer Guinee ein bißchen Gold abgeschliffen, von einer Schnalle etwas Messing, beides mit Erde vermischt und gehärtet. Die Täuschung war vollkommen. Zur Strafe bekam er seine zweiten „Fünfzig”. — Ist also Dailey nicht wirklich der erste Prophet des australischen Goldes gewesen?” „Sie sind ein Schwindler wie dieser Dailey”, schalt Mary empört und empfing dafür einen liebevollen Blick von William.

Aber es ist eine hübsche Geschichte!” „Und Sie ist wahrhaftig wahr, Mr. v. Pannwitz — ich bin ja schuldlos daran.” „Man müßte diese Geschichten sammeln und aufschreiben: dann käme eine Historie zusammen, die ein tausendmal getreueres Bild geben würde,’ als alle noch so echten Dokumente!”
Um Himmels willen, schweigen Sie!”, rief Hunter entsetzt. „Der gute William bekommt es sonst fertig, unter die Schriftsteller zu gehen.”

William Ruse

Mittwoch, 21. April 2010

William Ruse stand im Alter Friedrichs — Anfang der Zwanziger. Er gewann sofort durch seine Frische & Geradheit, seine Heiterkeit & Unternehmungsfreude — eine kräftige Erscheinung, blond, groß, sorgfältig gekleidet & .von einer Lebhaftigkeit, die nie ermüdete & nie zur Ermüdung brachte. Friedrich merkte bald, dass ein geheimes Einverständnis zwischen ihm & der Tochter des Hauses waltete & konnte sich eines leichten Neides nicht erwehren : denn Mary war ungewöhnlich hübsch, sehr still & zurückhaltend, fast scheu, aber von einer Anmut & Innigkeit die bezauberte.
Das Gespräch wendete sich Kalifornien zu. Rase kannte überraschenderweise die dortigen Verhältnisse sehr genau & hatte auch von der berühmten Theorie Alexander von Humboldts gehört, derzufolge gewisse nordsüdlich verlaufende Gebirge meist Gold besäßen. Streng genommen paßte seine allzu lebhafte Teilnahme an der Goldbesessenheit, die damals die ganze Erde gepackt hatte, zu seinem soliden Wesen nicht.

Aber es war wohl weniger der Wunsch, sieh selbst an der Goldsuche zu beteiligen; er ahnte, daß sich die Erschließung Australiens durch die Entdeckung von Gold sehr beschleunigen werde & erwartete daher als guter Kaufmann wachsende Geschäfte. So erwies er sich auch als treuer Anhänger Edward Hargreaves, eines Sydnevers, der sich durch die Beharrlichkeit seiner Behauptung, in den Manen Bergen- viel  Gold in Gülle zu finden sein, nicht gerade den besten Namen gemacht hatte — jedenfalls bei den ruhigen, die stete und sichere Entwicklung bevorzugenden Bürgern, zu denen auch Hunter gehörte. Von Hargreaves wurde überall gesprochen, wo man von Kalifornien sprach — und das geschah in diesen Jahren überall.

Ich komme aus Kalifornien

Dienstag, 20. April 2010

„Sie wünschen?” fragte er. „Ich komme aus Kalifornien, mein Name ist Friedrich v. Pannwitz. Herr Flaxman aus San Franzisko war so freundlich, mich an Sie zu empfehlen. Haben Sie seinen Brief noch nicht erhalten?” „Nein noch nicht! Er wird noch auf unserer Post liegen. Wir haben es nicht so eilig”, tröstete Hunter. „Womit darf ich Ihnen dienen?”

Der junge Deutsche entnahm seiner Brieftasche einen Brief. „Herr Flaxman hat diesen Fall weise vorausgesehen”, erklärte er lachend. „In diesem Briefe finden Sie den besten Ausweis über mich.” Er reichte ihn Hunter hinüber. „Ich komme nach Australien, um das Land kennenzulernen und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir fiir die erste Zeit ein wenig behilflich sein könnten.”
Der Kaufmann überflog das Empfehlungsschreiben und streckte dem Gast herzlich die Hände entgegen. „Selbstverständlich sind Sie uns willkommen, solange Sie wollen! Meine Frau und meine Tochter Mary werden sich freuen. Sie zu sehen. Bitte, darf ich Sie in die Wohnung führen, damit Ihr Zimmer bereit gemacht wird und ich Sie mit meiner Familie bekannt machen kann? Leider ist mein Sohn Humphrey nicht anwesend. Ich habe ihn nach London zur Erziehung geschickt. Hier bitte, die Treppe hinauf.”
Pannwitz fühlte sich schnell heimisch. Alle waren freundlich und zuvorkommend zu ihm, und als sich die kleine Familie abends zum Tee in dem behaglich eingerichteten Wohnzimmer niedergelassen hatte, war es ihm, als kenne er diese Menschen schon ein Leben lang. Henry Hunter gab sich alle Mühe, seinem Gast alles Sehenswerte zu zeigen, er versäumte sogar seine Geschäftszeit, und das war bei seiner strengen Pünktlichkeit sehr viel. „Sie werden heute Abend”, sagte er zu Friedrich, als sie die prächtige Georgestraße durchwanderten, „einen lieben Freund unseres Hauses kennenlernen: William Ruse. Sein Vater besitzt in Paramatta eine große Gärtnerei und versorgt fast ganz Sydney mit Gemüse, Früchten und Blumen.”

„Ruse? Ich habe in San Franzisko ein Buch über die Anfangszeit der Kolonie gelesen; wenn ich mich nicht irre. hieß der erste Freigelassene, der hier angesiedelt wurde. James Ruse.” Hunter lächelte. „William ist sein Enkel; die Gärtnerei liegt auf dem Land seines Großvaters, das durch spätere Käufe beträchtlich vergrößert worden ist.” „Die englische Justiz war grausam! rief Friedrich schaudernd aus.

Dann setzte sich der Wagen in Bewegung

Dienstag, 20. April 2010

Er nickte. „Ich weiß schon, Sir!” Dann setzte  sich der Wagen in Bewegung. Je tiefer er Friedrich in die Stadt mit ihren breiten, gepflegten Straßen trug, um so größer wurde sein Erstaunen über das bewegte Leben, das sie durchströmte. Schwerbeladene Rollwagen strebten zum Hafen, Ochsengespanne mit Wollballen fuhren langsam, unter ihrer Last krachend und knarrend, vorüber. Vor den Verkaufsbuden drängten sich die Menschen, in den eleganten Schaufenstern häuften sich in geschmackvollster Anordnung die Waren — nicht anders wie er es vor anderthalb oder zwei Jahren in Paris und Newyork auch gesehen hatte.

Pannwitz’ kalifornischer Geschäftsfreund hatte Hunter’s Geschichte ausführlich erzählt, nicht ohne sich als stolzer nordamerikanischer Bürger über dieses Stück englischer Heuchelei und Grausamkeit heftig zu empören. —
Der Vater jenes Henry Hunter war mit Kapitän Phillip als Sträfling ins Land gekommen. Sein Schicksal war beispielhaft für die australische Anfangszeit. Als junger Buchhalter bei einem wegen seiner puritanischen Strenge berüchtigten Londoner Kaufmann angestellt, sah er einer zwar einigermaßen sicheren, sozial allerdings nicht sonderlich günstigen Zukunft entgegen, da er wegen seiner Armut unter normalen Umständen nie zu einem selbständigen Unternehmen kommen konnte. Er vergaß den furchtbaren Tag, der ihn plötzlich aus aller Ordnung riß und unter die Geächteten und Verbrecher warf. niemals — obwohl doch dieser Schicksalsschlag, so unmenschlich grausam er gewesen sein mochte, seinen späteren Reichtum begründete! Er wollte nämlich an jenem Tage fiir seine Mutter eine Besorgung machen und stellte zu seinem Ärger fest. daß er sein Geld vergessen hatte. Sollte er den Kauf aufschieben? Bis zum nächsten Tage warten? Aber er verwaltete ja die Kasse! Er arbeitete lange genug auf seinem Posten, um Vertrauen verdient zu haben! So entlieh er sich also zehn Schilling. vergaß jedoch in der Hast eines besonders arbeitsreichen Tages einen Zettel in die Kasse zu tun. Das war eine bescheidene Unterlassungssünde, die jeder, der ihn kannte. ohne weiteres als solche erkannt haben würde — nicht jedoch der überaus ehrenwerte Mr. Parker, sein Chef. Er entdeckte nämlich am Abend die kleine Differenz und ließ seinen Buchhalter am folgenden Morgen kurzerhand verhaften. Hunter protestierte, er verwies vergebens auf seine unleugbare Ehrlichkeit: die Klage des einflußreichen Kaufmannes wog schwerer als die Verteidigung des armen Angestellten. Die Richter verurteilten ihn zu sieben Jahren Deportation. John Hunters alte Mutter starb vor Schrecken über das grausame Urteil an einem Herzschlag, und es war eine ganz besondere Gnade, daß der Sohn, unter scharfer Bewachung natürlich, an der Beerdigung teilnehmen durfte. Dann stach die Flotte Phillips in See, um dreiviertel Jahre später in Port Jackson einzulaufen.
John war ein tüchtiger Mann, furchtlos und aufrichtig;
er zerbrach nicht an seinem Schicksal, ein stählerner Wille.
diese schreckliche Zeit, die vor im lag, zu überwinden, gab
ihm Kraft. Seine Willigkeit und sein natürlicher Anstand
fielen dem wegen seiner Gerechtigkeit beliebten Kapitän
der zugleich der erste Gouverneur der neuen Kolonie
war — schnell auf. Er bevorzugte den Sträfling nicht, aber
er achtete auf ihn. Er teilte ihn dem Depotverwalter zu,
dessen Bücher er zu führen hatte, wenn er Hunter hrttinsecilenne Magazinen selbst arbeiten mußte. Als John T Strafzeit hinter sich hatte, durfte er in der kleinen Stadt Sydney ein Häuschen bauen, in dem er einen Laden betrieb. Später widmete er sich immer mehr dem rasch aufblühenden Wollhandel und entwickelte sein Unternehmen zu einem Export- und Importgeschäft, das durch die günstige Lage des Hauses schnell an Umfang gewann. Er wurde ein reicher Mann. Aus einer glücklichen Ehe mit der Tochter eines freien Siedlers aus Paramatta wuchsen ihm zwei Kinder, deren einer Henry war. Elisabeth, die Tochter, heiratete nach London. Henry übernahm das Unternehmen, während der Vater, müde des Treibens, sich in ein kleines hübsches Landhaus zurückzog, welches er sich in Mardy, nahe der Meeresküste, hatte bauen lassen. Hier in der Nachbarschaft seines Freundes und Leidensgenossen George Howe, des Gründers der ersten australischen Zeitung — des Sydney Herald — lebte er einsam und behaglich mit seiner Frau. Sein Blumengarten war eine kleine Berühmheit geworden. Am Tor seines staatlichen Steinhauses empfing der australische Kaufmann, ein rundlicher, sehr lebendiger Herr in den Vierzigern, seinen deutschen Gast.

Langsam glitt jetzt das schmucke nordamerikanische Schiff

Dienstag, 20. April 2010

durch die schmale, felsige Mündung von Port Jackson, und die tiefe weite Bucht, an der irgendwo Sydney lag, mit steinigen Uferbänken, saftigen Wäldern und sauberen Gehöften inmitten wogender Getreidefelder, breitete ihren still-leuchtenden Spiegel vor den Reisenden aus. Sie standen an der Reling und warteten ungeduldig auf die große Stadt, deren Schönheit selbst in Europa gerühmt wurde. Vorsichtig glitt das Schiff an gefährlichen Sandbänken und kleinen Inselgruppen vorüber, bis endlich der geräumige, von Schiffen aller Größen und aller Zonen wimmelnde Hafen erreicht war.

Welch ein großartiges Bild! Friedrich v. Pannwitz beugte sich weit über das Geländer und genoß begeistert das Bild der Stadt. Stattliche Hafenanlagen, Industriebauten mit zahlreichen Schloten, Kirchturm neben Kirchturm — bis hinauf zu den Hängen des Vorortes Woollomolloo, aus deren dichtem Grün das Weiß vieler Landhäuser blitzte.
„Und das war vor siebzig Jahren noch eine Wildnis?!”. rief er erstaunt aus.
„Sie sehen, hier ist gearbeitet worden!-, antwortete Richard Davis, der unbemerkt neben den jungen Deutschen getreten war. „Es ist eine schöne Stadt und ein schönes Land; man vergißt es nicht, wenn man je hier gelebt hat.” „Sie sind in Australien geboren?”

„Nein, das nicht. Ich stamme aus London. Aber ich habe viele Jahre in Sydney gelebt, ehe ich nach San Franzisko ging. Mein Heimweh hat mich zurückgetrieben. Vielleicht kann ich wieder Fuß fassen. Ich wünschte es.”
„Und warum sollte es nicht gelingen?”

Davis schwieg und blickte angestrengt in das ölig wogende, graue Wasser hinab. „Australische Verhältnisse, Mr. v. Pannwitz!”, antwortete er mit abgewendetem Gesicht _Ich kann’s ihnen nicht sagen.” — Nach einer Pause fuhr er stockend fort, als müsse er sich jedes Wort abzwingen:
„Sie wissen ja, wie das alles entstand” — er machte eine runde Armbewegung über das Stadtbild hin. „Verbrecher. Mister! — Nicht alle. — Aber es genügt.”
Friedrich lauschte verwundert. Er kannte den Engländer von Kalifornien her und schätzte ihn wegen seiner Gelassenheit und Zuverlässigkeit. Was hatte Richard Davis mit den Verbrechern zu tun?
„Ach was!”, rief Davis jetzt und blickte seinen Freund voll an. „Verwicklungen. Man spricht nicht darüber. — Aber vertrauen Sie mir, Mr. v. Pannwitz; Sie kennen mich, denken Sie daran. Vielleicht treffen Sie mich unter Umständen wieder, die — na —”, er stockte abermals, und seine Augen irrten hilfesuchend über die Aufbauten des Schiffes, die Passagiere, die sich um das Fallreep drängten, und hefteten sich endlich fest auf die Augen seines Reisegefährten: „Man kann für schuldig gelten, ohne es zu sein, Mr. v. Pannwitz. — Lassen wir es. — Ich zeige Ihnen lieber die Kirchen!” Er wies auf die einzelnen Türme: „St. James — daneben die Christuskirche; dort St. Marien; dort die Dreifaltigkeits-, die St. Peters-, die Benedikt-Kirche. Schade, daß ich Sie nicht begleiten kann. Aber ich habe Eile. Ihre Freunde werden Sie gewiß gerne führen.”
Inzwischen hatte das Schiff angelegt Friedrich fühlte sich ein wenig einsam, als Davis sich verabschiedet hatte. Obgleich er sich während seines jahrelangen Reiselebens eigentlich an neue Eindrücke hätte gewöhnen müssen, überfiel ihn immer wieder ein unruhiges, etwas klägliches Gefühl der Verlassenheit und Unsicherheit, wenn ihn eine neue Umwelt umgab. Freilich überwand er diese hindernde Beklommenheit gewöhnlich sehr schnell. Er hatte es gelernt, sich anzupassen. Er rief eine Droschke, lehnte sich bequem in die Polster und befahl dem Kutscher, langsam durch die Straßen zu fahren. „Nach der Pittstraße, ich glaube Nummer 5 Hunter.”

Noch nicht siebzig Jahre waren vergangen

Dienstag, 20. April 2010

seit Kapitän Arthur Phillip — sein Vater stammte aus Frankfurt a. M. — im Auftrage der britischen Regierung die ersten Sträflinge an der Küste Australiens abgesetzt hatte! Bis an diese fernen Lande waren die Erschütterungen des nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieges gedrungen: denn die ehemaligen Kolonien Maryland, Virginia, hatten sich rundweg geweigert, auch künftig noch den Abschaum der Londoner Straßen aufzunehmen und gleichsam für die Mängel der englischen Gerichtsbarkeit haftbar gemacht zu werden. So war es gekommen, daß Großbritannien, auf der Suche nach geeigneten Ländereien für eine neue Verbrecherkolonie, sich der Entdeckung James Cooks in der Südsee erinnerte.
Friedrich v. Pannwitz, ein Junger Deutscher, der sich eben, von San Franzisko kommend, auf dem Wege nach Sydney befand, kannte diese seltsame Entstehungsgeschichte. Man sprach damals genug von der unwahrscheinlich schnellen Entwicklung in den „Antipoden”, deren großen wirtschaftlichen Möglichkeiten und natürlichen Reichtümern. Es gab genug Biicher über Australien, und Pannwitz hatte sie alle gelesen. Er kannte die Geschichte des Sträflings James Ruse in Paramatta (einem Vorort Sydneys); weil sein Hund in Old England einst einen Rehbock gerissen hatte, der Abend für Abend seine Getreidefelder verwüstete, war er vom Pachtherrn angeklagt und von den Gerichten deportiert worden! Auch erinnerte er sich gut der Geschichte der Familie Hunter, an die sein kalifornischer Geschäftsfreund Flaxman ihn empfohlen — ein für die Anfangszeiten der Kolonie Neusüdwales und die unmenschlichen britischen Rechtsmethoden beispielhaftes Geschehnis! Er wußte also, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil dieser sogenannten Verbrecher streng genommen unbescholtene Bürger ihres Vaterlandes waren, deren Unglück nur ihre Armut war. Freilich gab es auch andere! Nicht umsonst durchstreiften Räuberbanden — man nannte sie hier „Bushranger” — die Wälder und Fluren, steckten die Gehöfte in Brand, raubten die Besitzer aus und schlugen tot, wer sich wehrte. Dieser Geist der Rebellion, der Unordnung, der Vernichtung ergriff selbst die Freieu: warum sonst hatten sie die doch wahrhaftig friedlichen und harm losen Eingeborenen der Insel Vandiemensland auf so sinnlose, brutale, ja verbrecherische Art ausgerottet? Woher die unverständliche Härte und Rohheit der Kläger und Richter?

Polygrafia in Brünn

Dienstag, 20. April 2010

Das zweite Entdeckungszeitalter war angebrochen. Überall in der Welt streiften abenteuernde junge Männer herum, nach Gold oder nach Land suchend; die Nordamerikaner hatten eben die Barriere des Felsengebirges überwunden und waren, ihrer alten rastlosen Sehnsucht getreu, endlich zur Küste des Stillen Ozeans vorgestoßen; in Chile überwanden einige Deutsche unter den furchtbarsten Qualen und Entbehrungen die dichten Wälder der Provinz Valdivia und standen begeistert und doch auch von Furcht gepackt vor dem stillen Spiegel des riesigen, von einem Kranz von Sümpfen und Dschungeln eingefaßten und schier unzugänglichen Llanquihue-Sees, um das weite, unendlich fruchtbare Land ringsum urbar zu machen. Die Welt war in Bewegung geraten. Sie verwandelte sich von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde. Sie trieb einer Zukunft entgegen, die groß sein -würde — aber würde sie auch glücklich sein?