Ja, die Umwandlung jener provenzalischen Gebiete, denen, wie man sagt, „die Zukunft gehört”, in ein modernes Land hat begonnen, doch ist sie lange nicht vollendet und wird nur unter Schmerzen vieler ihrer Bewohner vor sich gehen. Indessen schaut sich der Tourist Baustellen an, gigantische Löcher und Wälle. Bei Fos-sur-Mer entsteht ein gewaltiges Industriezentrum, in dem sich womöglich auch die Fortsetzung einer modernen Geschichte aus Duisburg abspielen wird. Thyssen, der größte „Stahlkocher” Europas, der zweitgrößte der Welt, hat an der Ruhr seinen neuen Hochofen, den größten in unserem Erdteil, bremsen müssen. Zuviel Lärm, zuviel Luftverschmutzung.
So hat Thyssen beschlossen, sich an dem Industriekomplex zu beteiligen, der in Fos-sur-Mer entsteht. Nein, korrigieren wir uns schnell: Nicht allein aus Rücksicht auf die Menschen, die schlafen und atmen wollen; in erster Linie, weil die zur Stahlgewinnung nötige Kohle aus Obersee billiger ist als die aus den Ruhr-Bergwerken. Mit den Eisenerzen ist es nicht anders; Schiffe fahren sie billiger heran. Kurzum, man hat allen Grund, betroffen zu sein. Man steht da, die Hände in den Taschen, sieht die Kräne und Bulldozer arbeiten in Fos-surMer und denkt sich seinen Teil.
Muß man angesichts dieses Beispiels für die Provence fürchten? Es gibt Pessimisten, die dem Frieden nicht trauen, den das Land ausstrahlt sowohl am Meer und an den Häfen wie in den Bergen und Tälern. Aber vergegenwärtige ich mir die Landschaften des „Midi” — die Bouches-du-Rhöne und die Cöte d’Azur, drinnen im Lande das Var-Gebiet und die Alpes de Haute-Provence, im Osten die Alpes-Maritimes und im Westen Vaucluse —, so denke ich, daß die Natur stärker sein könnte als die Menschen.
Nehmen wir das Var-Gebiet: Von weit her, von hoch droben gleiten bergabwärts, hügelabwärts grünbraune Galerien zur Arena des Meeres hinab. Kommt die Dunkelheit, so gehen in dem weiten Rund überall Lichter an. Nicht gleichmäßig verteilt. Sie ballen sich hier, zerfließen dort. Muster sind nicht herauszulesen. Gleichwohl hat der Anblick Reiz und Harmonie. Die Lichter entsprechen Häusern.
Anderntags unter der Sonne, in der panischen Stille oder bei frischem Wind entdeckt man leichter die Häuser, die gestern Lichter waren. Jedes ist ins Land gesetzt, wie es sich der Besitzer erlaubte und leisten konnte. Willkürlich, eigensinnig, keiner Ordnung unterworfen. Anderswo müßte das schiefgehen. Anderswo ist es auch schiefgegangen. Aber hier, etwa in der Gegend von Grasse, macht die große Natur die kleinen, manchmal von tüchtigen Architekten unterstützten Streiche der Menschen wieder wett. Die Natur wird für die Zukunft erst recht ihre Kraft zusammennehmen müssen, ihre Sonnenwärme, ihren Lavendelduft, die Würze der herb- süßen Kräuter, die Fülle des Weins, ihr reines Himmelsblau und den Glanz des Sonnenauf- und -unterganges.
Vom Meer ins Innere des Landes hinein, von der Küste aufwärts ins Gebirge, und wir gehen in die Einsamkeit. Ehe wir in menschenleere Dörfer, zu verlassenen Höfen kommen, lernen wir alte Städtchen kennen, wo im Zentrum die Häuser malerisch und eng beieinander stehen. Wenn die letzte Zikade ihr impertinentes Zirpen eingestellt hat, der letzte Schritt in den Gassen verhallt ist: welche Stille! Eine Anekdote, nein, eher der Bruchteil eines Geschichtchens: Die Dame aus altem, vornehmen Hause ist früh zu Bett gegangen. Vor Sonnenaufgang bewegt sich die Gardine vor dem offenen Fenster und erfüllt mit frischem Hauch das Zimmer.
Die Häuser stehen so eng beisammen; die Wände geben den Worten etwas Hall und Nachdruck, den ruhigen, freundlichen Wünschen; und man kennt und schätzt einander; man ist höflich. Die alte Dame ist eine heimliche Königin im Ort; man schätzt ihr Lob, fürchtet ihr Urteil. Drunten, in den Badeorten, wo man nicht müde wird, „Festivals” zu ersinnen, mag Trubel herrschen.
Droben, wo der deutsche Maler oder der englische Schriftsteller Eigentümer einer verlassenen, halbverfallenen „Fermette” geworden sind, mag man feiern unter Freunden, die von weither anreisten, zechen, singen, tanzen. Aber hier, im provenzalischen Städtchen, das berühmt durch sein Alter, seine landschaftliche und architektonische Schönheit ist, lebt man in einer heilen, menschenwürdigen Welt. „A votre sante, Mademoiselle!” — „A la vötre, Monsieur!”
Und der liebe Gott möge in diesem Sommer verhüten, daß die Pinienwälder allzu trocken werden, daß Touristen in Zelten und Wohnwagen nicht leichtsinnig mit Streichhölzern umgehen, daß kein Pyromane seiner Lust verfällt, eine schreckliche Feuersbrunst zu entfachen, die meilenweit den Hain zerstört, daß kein vergessener Spiegel auf einem Lagerplatz von der Sonne getroffen und zu einer Hitze veranlaßt wird, die sich Nahrung sucht, um zur Flamme zu werden!