Frankreich – Provence

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In der Kino-Trilogie „Wenn Ihr wüßtet, Franzosen”, in der Geschichtsdokumente von aktuellen Interviews unterbrochen, ergänzt, erläutert, entlarvt werden, kommt auch Leopold Sedar Senghor, einst Student der berühmten Ecole Normale Superieure zu Paris und Kommilitone des französischen Staatschefs Pompidou, heute Oberhaupt des Senegal, ausführlich zu Wort. Er sagt, nördlich der Loire seien die Bewohner Frankreichs Germanen, südlich aber gallo-romanischer Abstammung und Kultur. Das Film-Theater im alten Studentenviertel von Paris war voller Lachen.

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Die Legende von der Loire-Linie, dem Gegenstück zu der Main- Legende, wird dort nicht mehr geglaubt. Aber es ist etwas daran. Mir ist unvergeßlich, daß in Aix-en-Provence ein vielgereister Mann von den Nordfranzosen als den „Boches du Nord” sprach: „Die verstehen sich auf die Arbeit, wir aber auf die Kunst zu leben!” Man kann darüber lachen. Aber es ist um so weniger falsch, je mehr daran geglaubt wird. Das Wort, das die Provenzalen gern den Leuten aus dem Norden und aus Paris entgegenstellen: „Bei uns ist alles anders!” ist ein Slogan geworden. Aber ein Slogan kann wahr sein.

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Anders? Womöglich bloß anders, als man gedacht hat! Wahr ist, daß im Temperament der Meridionalen etwas Unbekümmertes, etwas Nonchalantes liegt. Aber die Arbeiter und Angestellten von Nimes beispielsweise lächeln nicht darüber, daß die Hälfte von ihnen weniger Lohn und Gehalt bezieht, als allgemein in Frankreich als Existenzminimum angesehen wird. Einem sorgenvollen Manne hatte ich das falsche Trostwort gesagt: „Wenn schon Sorgen, dann wenigstens im Paradies!” Worauf er erwiderte: „Ich lebe nicht darin, ich bin bloß vom Paradies umgeben.”

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Und sie dehnen, verschärfen sich, werden zu Gegensätzen, die im Inneren der Menschen ausgetragen werden müssen. Es liegt etwas Herbes, Diszipliniertes, etwas dem Nonchalanten Entgegengesetzes in den Leuten dieser Gegend, „etwas Protestantisches”, wie man oft aus französischem Munde hören kann.

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Und soweit sie wirklich protestantisch sind, pflegen sie die Erinnerung an die Religionskriege und sind doch von einer Toleranz gegenüber Andersdenkenden, die immer wieder gerühmt worden ist, beispielsweise von Juden, die sich während der deutschen Besatzungszeit zu ihnen flüchteten, und von „Pieds-noirs” aus Algerien, die hier eine neue Heimat fanden. Bei alledem ist dann auch wieder ein Mißtrauen, wenigstens eine Reserviertheit spürbar gegenüber Menschen, gegenüber Ideen, Plänen, Verordnungen, die von draußen, von „droben” kommen.

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