durch die schmale, felsige Mündung von Port Jackson, und die tiefe weite Bucht, an der irgendwo Sydney lag, mit steinigen Uferbänken, saftigen Wäldern und sauberen Gehöften inmitten wogender Getreidefelder, breitete ihren still-leuchtenden Spiegel vor den Reisenden aus. Sie standen an der Reling und warteten ungeduldig auf die große Stadt, deren Schönheit selbst in Europa gerühmt wurde. Vorsichtig glitt das Schiff an gefährlichen Sandbänken und kleinen Inselgruppen vorüber, bis endlich der geräumige, von Schiffen aller Größen und aller Zonen wimmelnde Hafen erreicht war.
Welch ein großartiges Bild! Friedrich v. Pannwitz beugte sich weit über das Geländer und genoß begeistert das Bild der Stadt. Stattliche Hafenanlagen, Industriebauten mit zahlreichen Schloten, Kirchturm neben Kirchturm — bis hinauf zu den Hängen des Vorortes Woollomolloo, aus deren dichtem Grün das Weiß vieler Landhäuser blitzte.
„Und das war vor siebzig Jahren noch eine Wildnis?!”. rief er erstaunt aus.
„Sie sehen, hier ist gearbeitet worden!-, antwortete Richard Davis, der unbemerkt neben den jungen Deutschen getreten war. „Es ist eine schöne Stadt und ein schönes Land; man vergißt es nicht, wenn man je hier gelebt hat.” „Sie sind in Australien geboren?”
„Nein, das nicht. Ich stamme aus London. Aber ich habe viele Jahre in Sydney gelebt, ehe ich nach San Franzisko ging. Mein Heimweh hat mich zurückgetrieben. Vielleicht kann ich wieder Fuß fassen. Ich wünschte es.”
„Und warum sollte es nicht gelingen?”
Davis schwieg und blickte angestrengt in das ölig wogende, graue Wasser hinab. „Australische Verhältnisse, Mr. v. Pannwitz!”, antwortete er mit abgewendetem Gesicht _Ich kann’s ihnen nicht sagen.” — Nach einer Pause fuhr er stockend fort, als müsse er sich jedes Wort abzwingen:
„Sie wissen ja, wie das alles entstand” — er machte eine runde Armbewegung über das Stadtbild hin. „Verbrecher. Mister! — Nicht alle. — Aber es genügt.”
Friedrich lauschte verwundert. Er kannte den Engländer von Kalifornien her und schätzte ihn wegen seiner Gelassenheit und Zuverlässigkeit. Was hatte Richard Davis mit den Verbrechern zu tun?
„Ach was!”, rief Davis jetzt und blickte seinen Freund voll an. „Verwicklungen. Man spricht nicht darüber. — Aber vertrauen Sie mir, Mr. v. Pannwitz; Sie kennen mich, denken Sie daran. Vielleicht treffen Sie mich unter Umständen wieder, die — na —”, er stockte abermals, und seine Augen irrten hilfesuchend über die Aufbauten des Schiffes, die Passagiere, die sich um das Fallreep drängten, und hefteten sich endlich fest auf die Augen seines Reisegefährten: „Man kann für schuldig gelten, ohne es zu sein, Mr. v. Pannwitz. — Lassen wir es. — Ich zeige Ihnen lieber die Kirchen!” Er wies auf die einzelnen Türme: „St. James — daneben die Christuskirche; dort St. Marien; dort die Dreifaltigkeits-, die St. Peters-, die Benedikt-Kirche. Schade, daß ich Sie nicht begleiten kann. Aber ich habe Eile. Ihre Freunde werden Sie gewiß gerne führen.”
Inzwischen hatte das Schiff angelegt Friedrich fühlte sich ein wenig einsam, als Davis sich verabschiedet hatte. Obgleich er sich während seines jahrelangen Reiselebens eigentlich an neue Eindrücke hätte gewöhnen müssen, überfiel ihn immer wieder ein unruhiges, etwas klägliches Gefühl der Verlassenheit und Unsicherheit, wenn ihn eine neue Umwelt umgab. Freilich überwand er diese hindernde Beklommenheit gewöhnlich sehr schnell. Er hatte es gelernt, sich anzupassen. Er rief eine Droschke, lehnte sich bequem in die Polster und befahl dem Kutscher, langsam durch die Straßen zu fahren. „Nach der Pittstraße, ich glaube Nummer 5 Hunter.”