Langsam glitt jetzt das schmucke nordamerikanische Schiff

20. April 2010

durch die schmale, felsige Mündung von Port Jackson, und die tiefe weite Bucht, an der irgendwo Sydney lag, mit steinigen Uferbänken, saftigen Wäldern und sauberen Gehöften inmitten wogender Getreidefelder, breitete ihren still-leuchtenden Spiegel vor den Reisenden aus. Sie standen an der Reling und warteten ungeduldig auf die große Stadt, deren Schönheit selbst in Europa gerühmt wurde. Vorsichtig glitt das Schiff an gefährlichen Sandbänken und kleinen Inselgruppen vorüber, bis endlich der geräumige, von Schiffen aller Größen und aller Zonen wimmelnde Hafen erreicht war.

Welch ein großartiges Bild! Friedrich v. Pannwitz beugte sich weit über das Geländer und genoß begeistert das Bild der Stadt. Stattliche Hafenanlagen, Industriebauten mit zahlreichen Schloten, Kirchturm neben Kirchturm — bis hinauf zu den Hängen des Vorortes Woollomolloo, aus deren dichtem Grün das Weiß vieler Landhäuser blitzte.
„Und das war vor siebzig Jahren noch eine Wildnis?!”. rief er erstaunt aus.
„Sie sehen, hier ist gearbeitet worden!-, antwortete Richard Davis, der unbemerkt neben den jungen Deutschen getreten war. „Es ist eine schöne Stadt und ein schönes Land; man vergißt es nicht, wenn man je hier gelebt hat.” „Sie sind in Australien geboren?”

„Nein, das nicht. Ich stamme aus London. Aber ich habe viele Jahre in Sydney gelebt, ehe ich nach San Franzisko ging. Mein Heimweh hat mich zurückgetrieben. Vielleicht kann ich wieder Fuß fassen. Ich wünschte es.”
„Und warum sollte es nicht gelingen?”

Davis schwieg und blickte angestrengt in das ölig wogende, graue Wasser hinab. „Australische Verhältnisse, Mr. v. Pannwitz!”, antwortete er mit abgewendetem Gesicht _Ich kann’s ihnen nicht sagen.” — Nach einer Pause fuhr er stockend fort, als müsse er sich jedes Wort abzwingen:
„Sie wissen ja, wie das alles entstand” — er machte eine runde Armbewegung über das Stadtbild hin. „Verbrecher. Mister! — Nicht alle. — Aber es genügt.”
Friedrich lauschte verwundert. Er kannte den Engländer von Kalifornien her und schätzte ihn wegen seiner Gelassenheit und Zuverlässigkeit. Was hatte Richard Davis mit den Verbrechern zu tun?
„Ach was!”, rief Davis jetzt und blickte seinen Freund voll an. „Verwicklungen. Man spricht nicht darüber. — Aber vertrauen Sie mir, Mr. v. Pannwitz; Sie kennen mich, denken Sie daran. Vielleicht treffen Sie mich unter Umständen wieder, die — na —”, er stockte abermals, und seine Augen irrten hilfesuchend über die Aufbauten des Schiffes, die Passagiere, die sich um das Fallreep drängten, und hefteten sich endlich fest auf die Augen seines Reisegefährten: „Man kann für schuldig gelten, ohne es zu sein, Mr. v. Pannwitz. — Lassen wir es. — Ich zeige Ihnen lieber die Kirchen!” Er wies auf die einzelnen Türme: „St. James — daneben die Christuskirche; dort St. Marien; dort die Dreifaltigkeits-, die St. Peters-, die Benedikt-Kirche. Schade, daß ich Sie nicht begleiten kann. Aber ich habe Eile. Ihre Freunde werden Sie gewiß gerne führen.”
Inzwischen hatte das Schiff angelegt Friedrich fühlte sich ein wenig einsam, als Davis sich verabschiedet hatte. Obgleich er sich während seines jahrelangen Reiselebens eigentlich an neue Eindrücke hätte gewöhnen müssen, überfiel ihn immer wieder ein unruhiges, etwas klägliches Gefühl der Verlassenheit und Unsicherheit, wenn ihn eine neue Umwelt umgab. Freilich überwand er diese hindernde Beklommenheit gewöhnlich sehr schnell. Er hatte es gelernt, sich anzupassen. Er rief eine Droschke, lehnte sich bequem in die Polster und befahl dem Kutscher, langsam durch die Straßen zu fahren. „Nach der Pittstraße, ich glaube Nummer 5 Hunter.”

Noch nicht siebzig Jahre waren vergangen

20. April 2010

seit Kapitän Arthur Phillip — sein Vater stammte aus Frankfurt a. M. — im Auftrage der britischen Regierung die ersten Sträflinge an der Küste Australiens abgesetzt hatte! Bis an diese fernen Lande waren die Erschütterungen des nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieges gedrungen: denn die ehemaligen Kolonien Maryland, Virginia, hatten sich rundweg geweigert, auch künftig noch den Abschaum der Londoner Straßen aufzunehmen und gleichsam für die Mängel der englischen Gerichtsbarkeit haftbar gemacht zu werden. So war es gekommen, daß Großbritannien, auf der Suche nach geeigneten Ländereien für eine neue Verbrecherkolonie, sich der Entdeckung James Cooks in der Südsee erinnerte.
Friedrich v. Pannwitz, ein Junger Deutscher, der sich eben, von San Franzisko kommend, auf dem Wege nach Sydney befand, kannte diese seltsame Entstehungsgeschichte. Man sprach damals genug von der unwahrscheinlich schnellen Entwicklung in den „Antipoden”, deren großen wirtschaftlichen Möglichkeiten und natürlichen Reichtümern. Es gab genug Biicher über Australien, und Pannwitz hatte sie alle gelesen. Er kannte die Geschichte des Sträflings James Ruse in Paramatta (einem Vorort Sydneys); weil sein Hund in Old England einst einen Rehbock gerissen hatte, der Abend für Abend seine Getreidefelder verwüstete, war er vom Pachtherrn angeklagt und von den Gerichten deportiert worden! Auch erinnerte er sich gut der Geschichte der Familie Hunter, an die sein kalifornischer Geschäftsfreund Flaxman ihn empfohlen — ein für die Anfangszeiten der Kolonie Neusüdwales und die unmenschlichen britischen Rechtsmethoden beispielhaftes Geschehnis! Er wußte also, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil dieser sogenannten Verbrecher streng genommen unbescholtene Bürger ihres Vaterlandes waren, deren Unglück nur ihre Armut war. Freilich gab es auch andere! Nicht umsonst durchstreiften Räuberbanden — man nannte sie hier „Bushranger” — die Wälder und Fluren, steckten die Gehöfte in Brand, raubten die Besitzer aus und schlugen tot, wer sich wehrte. Dieser Geist der Rebellion, der Unordnung, der Vernichtung ergriff selbst die Freieu: warum sonst hatten sie die doch wahrhaftig friedlichen und harm losen Eingeborenen der Insel Vandiemensland auf so sinnlose, brutale, ja verbrecherische Art ausgerottet? Woher die unverständliche Härte und Rohheit der Kläger und Richter?

Polygrafia in Brünn

20. April 2010

Das zweite Entdeckungszeitalter war angebrochen. Überall in der Welt streiften abenteuernde junge Männer herum, nach Gold oder nach Land suchend; die Nordamerikaner hatten eben die Barriere des Felsengebirges überwunden und waren, ihrer alten rastlosen Sehnsucht getreu, endlich zur Küste des Stillen Ozeans vorgestoßen; in Chile überwanden einige Deutsche unter den furchtbarsten Qualen und Entbehrungen die dichten Wälder der Provinz Valdivia und standen begeistert und doch auch von Furcht gepackt vor dem stillen Spiegel des riesigen, von einem Kranz von Sümpfen und Dschungeln eingefaßten und schier unzugänglichen Llanquihue-Sees, um das weite, unendlich fruchtbare Land ringsum urbar zu machen. Die Welt war in Bewegung geraten. Sie verwandelte sich von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde. Sie trieb einer Zukunft entgegen, die groß sein -würde — aber würde sie auch glücklich sein?