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Dann setzte sich der Wagen in Bewegung

Dienstag, 20. April 2010

Er nickte. „Ich weiß schon, Sir!” Dann setzte  sich der Wagen in Bewegung. Je tiefer er Friedrich in die Stadt mit ihren breiten, gepflegten Straßen trug, um so größer wurde sein Erstaunen über das bewegte Leben, das sie durchströmte. Schwerbeladene Rollwagen strebten zum Hafen, Ochsengespanne mit Wollballen fuhren langsam, unter ihrer Last krachend und knarrend, vorüber. Vor den Verkaufsbuden drängten sich die Menschen, in den eleganten Schaufenstern häuften sich in geschmackvollster Anordnung die Waren — nicht anders wie er es vor anderthalb oder zwei Jahren in Paris und Newyork auch gesehen hatte.

Pannwitz’ kalifornischer Geschäftsfreund hatte Hunter’s Geschichte ausführlich erzählt, nicht ohne sich als stolzer nordamerikanischer Bürger über dieses Stück englischer Heuchelei und Grausamkeit heftig zu empören. —
Der Vater jenes Henry Hunter war mit Kapitän Phillip als Sträfling ins Land gekommen. Sein Schicksal war beispielhaft für die australische Anfangszeit. Als junger Buchhalter bei einem wegen seiner puritanischen Strenge berüchtigten Londoner Kaufmann angestellt, sah er einer zwar einigermaßen sicheren, sozial allerdings nicht sonderlich günstigen Zukunft entgegen, da er wegen seiner Armut unter normalen Umständen nie zu einem selbständigen Unternehmen kommen konnte. Er vergaß den furchtbaren Tag, der ihn plötzlich aus aller Ordnung riß und unter die Geächteten und Verbrecher warf. niemals — obwohl doch dieser Schicksalsschlag, so unmenschlich grausam er gewesen sein mochte, seinen späteren Reichtum begründete! Er wollte nämlich an jenem Tage fiir seine Mutter eine Besorgung machen und stellte zu seinem Ärger fest. daß er sein Geld vergessen hatte. Sollte er den Kauf aufschieben? Bis zum nächsten Tage warten? Aber er verwaltete ja die Kasse! Er arbeitete lange genug auf seinem Posten, um Vertrauen verdient zu haben! So entlieh er sich also zehn Schilling. vergaß jedoch in der Hast eines besonders arbeitsreichen Tages einen Zettel in die Kasse zu tun. Das war eine bescheidene Unterlassungssünde, die jeder, der ihn kannte. ohne weiteres als solche erkannt haben würde — nicht jedoch der überaus ehrenwerte Mr. Parker, sein Chef. Er entdeckte nämlich am Abend die kleine Differenz und ließ seinen Buchhalter am folgenden Morgen kurzerhand verhaften. Hunter protestierte, er verwies vergebens auf seine unleugbare Ehrlichkeit: die Klage des einflußreichen Kaufmannes wog schwerer als die Verteidigung des armen Angestellten. Die Richter verurteilten ihn zu sieben Jahren Deportation. John Hunters alte Mutter starb vor Schrecken über das grausame Urteil an einem Herzschlag, und es war eine ganz besondere Gnade, daß der Sohn, unter scharfer Bewachung natürlich, an der Beerdigung teilnehmen durfte. Dann stach die Flotte Phillips in See, um dreiviertel Jahre später in Port Jackson einzulaufen.
John war ein tüchtiger Mann, furchtlos und aufrichtig;
er zerbrach nicht an seinem Schicksal, ein stählerner Wille.
diese schreckliche Zeit, die vor im lag, zu überwinden, gab
ihm Kraft. Seine Willigkeit und sein natürlicher Anstand
fielen dem wegen seiner Gerechtigkeit beliebten Kapitän
der zugleich der erste Gouverneur der neuen Kolonie
war — schnell auf. Er bevorzugte den Sträfling nicht, aber
er achtete auf ihn. Er teilte ihn dem Depotverwalter zu,
dessen Bücher er zu führen hatte, wenn er Hunter hrttinsecilenne Magazinen selbst arbeiten mußte. Als John T Strafzeit hinter sich hatte, durfte er in der kleinen Stadt Sydney ein Häuschen bauen, in dem er einen Laden betrieb. Später widmete er sich immer mehr dem rasch aufblühenden Wollhandel und entwickelte sein Unternehmen zu einem Export- und Importgeschäft, das durch die günstige Lage des Hauses schnell an Umfang gewann. Er wurde ein reicher Mann. Aus einer glücklichen Ehe mit der Tochter eines freien Siedlers aus Paramatta wuchsen ihm zwei Kinder, deren einer Henry war. Elisabeth, die Tochter, heiratete nach London. Henry übernahm das Unternehmen, während der Vater, müde des Treibens, sich in ein kleines hübsches Landhaus zurückzog, welches er sich in Mardy, nahe der Meeresküste, hatte bauen lassen. Hier in der Nachbarschaft seines Freundes und Leidensgenossen George Howe, des Gründers der ersten australischen Zeitung — des Sydney Herald — lebte er einsam und behaglich mit seiner Frau. Sein Blumengarten war eine kleine Berühmheit geworden. Am Tor seines staatlichen Steinhauses empfing der australische Kaufmann, ein rundlicher, sehr lebendiger Herr in den Vierzigern, seinen deutschen Gast.

Langsam glitt jetzt das schmucke nordamerikanische Schiff

Dienstag, 20. April 2010

durch die schmale, felsige Mündung von Port Jackson, und die tiefe weite Bucht, an der irgendwo Sydney lag, mit steinigen Uferbänken, saftigen Wäldern und sauberen Gehöften inmitten wogender Getreidefelder, breitete ihren still-leuchtenden Spiegel vor den Reisenden aus. Sie standen an der Reling und warteten ungeduldig auf die große Stadt, deren Schönheit selbst in Europa gerühmt wurde. Vorsichtig glitt das Schiff an gefährlichen Sandbänken und kleinen Inselgruppen vorüber, bis endlich der geräumige, von Schiffen aller Größen und aller Zonen wimmelnde Hafen erreicht war.

Welch ein großartiges Bild! Friedrich v. Pannwitz beugte sich weit über das Geländer und genoß begeistert das Bild der Stadt. Stattliche Hafenanlagen, Industriebauten mit zahlreichen Schloten, Kirchturm neben Kirchturm — bis hinauf zu den Hängen des Vorortes Woollomolloo, aus deren dichtem Grün das Weiß vieler Landhäuser blitzte.
„Und das war vor siebzig Jahren noch eine Wildnis?!”. rief er erstaunt aus.
„Sie sehen, hier ist gearbeitet worden!-, antwortete Richard Davis, der unbemerkt neben den jungen Deutschen getreten war. „Es ist eine schöne Stadt und ein schönes Land; man vergißt es nicht, wenn man je hier gelebt hat.” „Sie sind in Australien geboren?”

„Nein, das nicht. Ich stamme aus London. Aber ich habe viele Jahre in Sydney gelebt, ehe ich nach San Franzisko ging. Mein Heimweh hat mich zurückgetrieben. Vielleicht kann ich wieder Fuß fassen. Ich wünschte es.”
„Und warum sollte es nicht gelingen?”

Davis schwieg und blickte angestrengt in das ölig wogende, graue Wasser hinab. „Australische Verhältnisse, Mr. v. Pannwitz!”, antwortete er mit abgewendetem Gesicht _Ich kann’s ihnen nicht sagen.” — Nach einer Pause fuhr er stockend fort, als müsse er sich jedes Wort abzwingen:
„Sie wissen ja, wie das alles entstand” — er machte eine runde Armbewegung über das Stadtbild hin. „Verbrecher. Mister! — Nicht alle. — Aber es genügt.”
Friedrich lauschte verwundert. Er kannte den Engländer von Kalifornien her und schätzte ihn wegen seiner Gelassenheit und Zuverlässigkeit. Was hatte Richard Davis mit den Verbrechern zu tun?
„Ach was!”, rief Davis jetzt und blickte seinen Freund voll an. „Verwicklungen. Man spricht nicht darüber. — Aber vertrauen Sie mir, Mr. v. Pannwitz; Sie kennen mich, denken Sie daran. Vielleicht treffen Sie mich unter Umständen wieder, die — na —”, er stockte abermals, und seine Augen irrten hilfesuchend über die Aufbauten des Schiffes, die Passagiere, die sich um das Fallreep drängten, und hefteten sich endlich fest auf die Augen seines Reisegefährten: „Man kann für schuldig gelten, ohne es zu sein, Mr. v. Pannwitz. — Lassen wir es. — Ich zeige Ihnen lieber die Kirchen!” Er wies auf die einzelnen Türme: „St. James — daneben die Christuskirche; dort St. Marien; dort die Dreifaltigkeits-, die St. Peters-, die Benedikt-Kirche. Schade, daß ich Sie nicht begleiten kann. Aber ich habe Eile. Ihre Freunde werden Sie gewiß gerne führen.”
Inzwischen hatte das Schiff angelegt Friedrich fühlte sich ein wenig einsam, als Davis sich verabschiedet hatte. Obgleich er sich während seines jahrelangen Reiselebens eigentlich an neue Eindrücke hätte gewöhnen müssen, überfiel ihn immer wieder ein unruhiges, etwas klägliches Gefühl der Verlassenheit und Unsicherheit, wenn ihn eine neue Umwelt umgab. Freilich überwand er diese hindernde Beklommenheit gewöhnlich sehr schnell. Er hatte es gelernt, sich anzupassen. Er rief eine Droschke, lehnte sich bequem in die Polster und befahl dem Kutscher, langsam durch die Straßen zu fahren. „Nach der Pittstraße, ich glaube Nummer 5 Hunter.”